Der Schöpfungsmythos der Ägypter berichtet von der Göttin Maat, der personifizierten Wahrheit, Gerechtigkeit, Harmonie und Ordnung. Sie hilft dem Pharao, das Volk nach ethischen Grundsätzen zu regieren. Eine ideale Wertordnung entsteht mit für das Altertum so erstaunlichen Werten wie Mitmenschlichkeit, ein gemeinsames Handeln, eine Erziehung zur Gerechtigkeit ohne Zwang und eine annähernde Gleichheit von Mann und Frau. Ein gesunder und schöner Körper ist ebenso ein Ideal wie das Erreichen eines hohen Alters.
Im ägyptischen Totenkult gibt es ein Totengericht, das ein Leben nach Ethik und Moral im realen Leben fordert, wenn man es bestehen will.
Wie in so vielen Kulturen entwertete jedoch die Priesterkaste diese Ethik zum mechanisch vollzogenen Ritual, zu sinnentleerten Glaubensformeln und zu einem Magie- und Dämonenkult.
Textbeispiel: Das Jenseitskonzept der Ägypter ist so einfach wie genial: Ein Weiterleben ist dem ermöglicht, der bestimmte ethische, moralische und soziale Normen erfüllt. Voraussetzung dafür, dass das funktioniert, ist der ernsthafte Glaube an die Götter, deren Herrlichkeit, geistige Größe, Frieden und Harmonie man erreichen möchte, weil man selbst das Göttliche in sich trägt.
Moses brachte den Israeliten
die Zehn Gebote, eine Sammlung von ethischen Geboten, die Magna
Charta des Judentums. Die Bundeslade mit den Gesetzestafeln wurde
Staatsheiligtum, doch eine machtvolle Priesterkaste machte die Gebote
nicht zum Gegenstand einer Volkserziehung, sie hielt vielmehr an den
alten Kulten, Ritualen und archaischen Glaubenssätzen fest.
Damit trat sie in Konkurrenz zu den Propheten, die höchste Werte,
eben die Zehn Gebote, aus der Göttlichen Welt verkündeten.
Sie wetterten gegen das blutige Tieropfer ebenso wie gegen die Ausbeutung
des Volkes durch die Priesterherrschaft.
Mutig tadelten sie die Verfehlungen der Könige und die Unsitten des Volkes
und wurden deswegen gehasst und verfolgt. So wurden die humanen Werte der
Propheten von inhumanen, stellenweise grausamen Gesetzen der
Priester konterkariert. Im Alten Testament schenkt ein gütiger und seine
Kinder liebender Gott das Gebot des Nichttötens. Dem wird jedoch immer
wieder durch Aufrufe zu Kriegen und anderen schrecklichen Bluttaten eines
unbarmherzigen und rachsüchtigen Gottes widersprochen.
Der Kampf Priester gegen Propheten hat einen schrecklichen Höhepunkt
in der Hinrichtung des größten aller Propheten und Weisheitslehrers
Jesus von Nazareth.
Mit der Lehre Jesu von
der Bergpredigt setzt er die humanen Gebote der alten Zeit fort und
lebt sie den Menschen vor. Denkwürdig ist, dass sich der
Kernsatz der Bergpredigt: „Was du nicht willst, was man dir tu', das
füg' auch keinem anderen zu“ in zahlreichen großen
Weltreligionen auftaucht, von verschiedenen Weisheitslehrern zitiert.
Aus den apokryphen Schriften wissen wir auch von der Tierliebe des Jesus,
die bislang von der Kirche verheimlicht wurde und jetzt immer mehr in der
Öffentlichkeit bekannt wird.
Jesus Nachfolger, besonders
Paulus, begannen seine Lehre zu verfälschen, und eine sich
etablierende Kirche, von Jesus nicht vorgesehen, war an der
Machtposition in der Gesellschaft mehr interessiert, als an den
wahren Werten der echten ur-christlichen Lehre.
Textbeispiel: Paulus machte, wie eine Vielzahl von kritischen Religionswissenschaftlern und Theologen der Neuzeit schon längst erkannt haben, aus der ur-christlichen Ethik einen pseudo-christlichen Mythos, wie der Judaist Hyam Maccoby in seinem Buch „Der Mythenschmied, Paulus und die Erfindung des Christentums“ darlegt: Das Grundthema des paulinischen Mythos lässt sich in einem Schlagwort zusammenfassen: Die Herabkunft des himmlischen Erlösers. Jedes Element seiner sog. Theologie stammt von daher, denn da die Erlösung und Seelenrettung von „oben“ kommt, ist jede menschliche Initiative oder Handlung zur Wirkungslosigkeit verurteilt. Mit anderen Worten: Allein der Glaube genügt. Wie sagt doch Jesus sinngemäß? Wer meine Worte hört und tut, ist ein kluger Mann.
Die attische Demokratie war im wahrsten Sinne eine überaus „wertvolle“
Institution, denn sie die garantierte Mitbestimmung des Volkes,
Freizügigkeit, Chancengleichheit, Meinungsfreiheit und mehr –
allerdings nur für Männer. Für den Philosophen Platon
war der Staat eine Gemeinschaft, die sittlich-ethischen Grundsätzen
zu folgen hatte. Er entwarf einen Idealstaat, geleitet von streng
ethisch erzogenen und gebildeten Männern. Zur Ausführung
kam sein Modell nicht, wie überhaupt die ethischen Erkenntnisse
der Philosophen sich in den seltensten Fällen in der Praxis
durchsetzen ließen.
Die Griechen huldigten einer
Kultreligion, deren Priester aus dem Volk gewählt wurden. Nach
einem ethischen Kodex mussten sie nicht leben.
Sehr zweifelhaften
Charakters waren die griechischen Götter, mächtige
Himmelswesen, die in das Leben der Menschen mal wohltuend, mal
willkürlich und oft grausam strafend eingriffen. Das zwang die
Gläubigen dazu, unentwegt die kultischen Pflichten peinlichst
genau zu erfüllen. Darunter war das archaische Tieropfer die
bedeutendste, aber auch widerwärtigste. Es gab allerdings
weise Männer, z.B. Pythagoras und Empedokles, die dieses
blutige Opfer als nicht vereinbar mit ihrem Glauben an eine kosmische
Seelenverwandtschaft aller Wesen hielten.
Das Töten von Tieren galt ihnen als menschenunwürdiges
Verhalten, und der Verzicht auf Fleischessen war ihnen Zeugnis eines
Gefühls von Reinheit und Achtung vor dem Lebendigen.
Beliebt
waren die Heroen, die noch Menschliches an sich hatten, weil sie selbst
für das Gute und gegen das Böse in ihnen selbst und in der Welt
kämpfen mussten. Ihre „großen Taten“, oft Wohltaten
für die Menschen, beeindruckten, weil sie mit menschlichen Waffen
ausgeführt wurden, wie Mut, Körperkraft, Klugheit, Geschicklichkeit
und Gerechtigkeit.
In den Epen Homers herrscht der brutale Kampf, der Wettbewerb, der Luxus – die „Ethik“ des Adels. Werte sind nur versteckt auffindbar. Hingegen das Drama diente den Griechen als ethik-religiöße Lebensschule; es erklärte die Wechselfälle des Lebens mit einem dargestellten Mythos oder der gespielten Historie. Die beabsichtigte psychologische Wirkung, die Reinigung und Läuterung der Seele von Affekten, nahm die Erkenntnisse und Methoden der modernen Tiefenpsychologie vorweg.
Die Mysterienkulte boten den Menschen in der Antike Geborgenheit
durch ihre Einbindung in die Rhythmen der Natur, die von
Naturgottheiten gelenkt wurden. Mit Hilfe von Reinigungsriten konnten
sich die Anhänger spirituell entwickeln. Auf der anderen Seite
bestand die Gefahr der Absonderung von der Gesellschaft und des sich
Abhängigmachens von einflussreichen Priestern.
Die großen
griechischen Philosophen Sokrates, Platon und Aristoteles schenkten den Menschen
Erkenntnisse und hohe Werte, die sie vom blinden Glauben an willkürliche Götter
befreiten, ohne dass sie den Glauben an diese aufgeben mussten:
Das Gewissen, die freie Selbstbestimmung, das Gute im Menschen,
die lehr- und lernbare Tugenden und die Veredelung und
Vervollkommnung des Menschen und seiner Seele. Der Arzt Hippokrates
sah z.B. in der Krankheit keine Strafe der Götter, sondern ein
menschliches Selbstverschulden und empfahl die Reinigung und Reinhaltung
von Körper, Seele und Geist – ganz im Sinne moderner Ganzheitsmedizin.
Der Philosoph Pythagoras gründete einen Orden, der die
körperliche, musische und geistige Bildung pflegte. Er bot
seinen Anhängern einen praktizierbaren Weg zur Veredelung an,
der sogar von Lokalpolitkern der Stadt Kos zur öffentlichen
Schulbildung gemacht wurde.
Textbeispiel: Die Pythagoras zugeschriebenen „Goldenen Verse“, eine Sammlung ethischer Maxime … enthalten Regeln, wie mit Göttern, Heroen, Eltern, Freunden und Mitmenschen umgegangen werden soll, stellen Aufgaben zur Selbstbeherrschung und Selbstachtung, weisen auf Ermahnungen zu tugendhaftem Reden und Handeln hin, listen Trainingsmethoden zur Gesundheitspflege und zum methodischen geistigen Üben auf. Sie zeigen, dass durch eifriges Bemühen die Selbsterkenntnis wächst, dass eine Befreiung von Leid erfolgen kann und dass Einsicht in den Aufbau der Welt möglich ist bis hin zu einer „Vergöttlichung“ des Menschen.
In den herrlichen Statuen sehen wir das ideale Menschenbild der Griechen: der körperlich tüchtige, schöne, geistig und musisch gebildete Mensch. In den griechischen olympischen Spielen hingegen dominierten rein körperliche Kriterien wie Kraft und Ausdauer. Wie auch heute blüte der Starkult. Wirklich moralischer Fortschritt war der tatsächlich eingehaltene Olympische Frieden im Land.
Die wertvollen Erkenntnisse der Philosophen brachten aber keinen ethisch-moralischen Wandel zu Wege. Der Gedanke Erastosthenes, dass die Menschen von Natur aus gleich seien, fand keinen Widerhall in der Politik. Sklaverei und die Diskriminierung der Frauen blieben eine hässliche Seite der griechischen Hochkultur. Auch der Friede respektive der Pazifismus als ethisches Ziel menschlichen Strebens war kein Thema der Philosophen; er blieb eine Sehnsucht, war lediglich Thema von Komödien, wurde aber nie ein Postulat. Die wunderbaren Gebilde der griechischen demokratischen Poleis wurden immer wieder durch entsetzliche Bruderkriege zerstört.
Ähnlich wie bei den Griechen
herrschte bei den Römern eine staatlich gelenkte Kultreligion.
Politik, Religion und Magie waren voneinander durchdrungen. Jede
politische Entscheidung wurde vorher mit magischen Mitteln erforscht.
Die Priester waren zu ihrem Amt vom Staat beauftragt und mit staatlichen Rechten
und Pflichten ausgestattet. Daneben gab es freilich eine Vielzahl von
Privat- und Mysterienkulten. Wie bei den Griechen stellten die
Priester kein moralisch-ethisches Vorbild dar, weil sie an keinen
schriftlich niedergelegten Sittenkodex gebunden waren. Das Verhältnis
Mensch - Götter gestaltete sich nüchtern und geschäftlich:
Ich gebe dir, so gibst du mir – Kult und Opfer gegen Hilfe.
Kam diese nicht, wurde der Gott gewechselt.
Die
römische Republik forderte von ihren Bürgern ein
diszipliniertes und tugendhaftes Verhalten. Galten in der attischen
Demokratie Freiheit und Gleichberechtigung des Bürgers als Ideale,
so waren es in Rom diszipliniertes Einfügen in und Unterordnen unter den Staat.
Es galt das Tugendgebot: alles für den Staat – erst die Gemeinschaft,
dann der Einzelne.
Der Redner, Denker und Politiker Cicero schenkte den Römern die
griechische Ethik und Philosophie und versuchte selbst danach zu
leben. Vorbildlich ist sein hartes Ringen mit seinen für sich
selbst bestimmten Tugendidealen. Ihm folgten die Tugendmeister Vergil,
Horaz, Livius, Seneca und Tacitus. Wer kennt nicht den Appell des Horaz
an seine Leser und Schüler: „Wage, weise zu sein“, den
dann Immanuel Kant leicht abgewandelt zum Leitspruch der Aufklärung machte.
Senecas tugendhaftes Herrscherideal konnte seinen Zögling Nero nicht beeinflussen;
er wurde selbst Opfer von Neros Gewalttätigkeit. Berühmt wurde
Tacitus' „Germania“, in der er den Römern mit der
einfachen und in seinen Augen gesitteten Lebensweise der Germanen den
Spiegel vorhielt.
Hohe Werte entwickelte die Philosophie der
Epikureer. Sie postulierten die innere Freiheit, z.B. die Freiheit
vom Glaubenszwang an die Götter und die Lebensfreude, doch nicht
die ausschweifende, sondern die durch Beherrschung der Triebe geläuterte.
Als Höhepunkt der römischen Philosophie gilt die Philosophie
der Stoa, die die Liebe zu allen Menschen und Völkern entwarf und
damit die christliche Nächstenliebe vorwegnahm.
Marc Aurel war ihr würdiger Vertreter; er übte sich regelrecht
in Milde, Gerechtigkeit, Selbsterkenntnis und Selbstkritik. Täglich legte
er in einem Notizbuch Rechenschaft über sich ab.
Textbeispiel: Die wichtigste Quelle der Philosophie Marc Aurels sind seine „Selbstbetrachtungen“. Unablässig richtete er Appelle an die eigene Person – an sein Alter Ego, indem er den herrschenden Teil seiner Seele, die Vernunft, sprechen lässt. Diese repräsentiert, so der Glaube des Stoikers, das Göttliche im Menschen und somit das Wissen um das sittlich Richtige. Mit Hilfe einer Art moralischen Tagebuchs rief er sich jeden Tag die Prinzipien der Stoa ins Gedächtnis, die er im Alltag verwirklichen wollte, z.B. Disziplin in den Bedürfnissen zu halten, gerecht zu handeln, Milde walten zu lassen, zum Frieden beizutragen, Hilfsbereitschaft auch den sozial Schwachen gegenüber zu zeigen und den Willen des Göttlichen zu vollziehen. Er schöpfte daraus Trost, Mut und Kraft.
Die römische Republik wurde
von Herrscherpersönlichkeiten abgelöst, die selten
tugendhaft waren, viel mehr auf Grund ihrer uneingeschränkten
Macht oft den Lastern und der Gewalt frönten. Die römischen
Tugenden gerieten in Vergessenheit.
Viele Römer
suchten daher als Alternative, aber auch weil sie die mechanisch vollzogenen
Götterkulte ablehnten, in den Mysterienkulten Erfüllung.
Diese boten neue Werte: Selbsterkenntnis, die Reinigung von Körper,
Seele und Geist und im Praktischen die Gleichheit der Gemeinschaft der Gläubigen.
Senatoren, Bürger und Soldaten fanden sich in den Kultgemeinschaften zusammen.
Doch blutige Exzesse beim Vollziehen von Riten und Zeremonien machten die Mysterien auch
gefährlich.
Um die Erziehung des Volkes zur altrömischen Sittlichkeit bemühten sich nur noch
die Kaiser Augustus und Marc Aurel. Deren Nachfolger versprachen sich mehr Popularität
durch “Massensportveranstaltungen„ in riesigen Arenen, in denen der Lust an der Grausamkeit
gefrönt wurde. Unzählige Tiere und Menschen fielen ihr zum Opfer.
Ein Relikt dieser Tradition der Verrohung sind heute noch die Stierkämpfe.
Aber es gab schon Kritiker in der Antike, die Derartiges nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten.
Plinius setzte sich für den Erhalt des Lebens der Tiere ein und
Tertullian wetterte als Christ gegen die Teilnahme von Christen an diesen
Spielen.
Das sich verbreitende Christentum mit seiner Ethik der Bergpredigt:
Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit, Friedfertigkeit, Brüderlichkeit,
Nächsten- und Feindesliebe, mit seiner einzigartigen Erlösungslehre
durch Vergeben und Wiedergutmachung und mit einem Gottesbild eines gütigen
Vaters aller Menschenkinder bot sich als ungeheure Chance aller Menschen an,
das ethisch-moralische Bewusstsein zu heben und politische und
gesellschaftliche Entwicklungsschritte zum insgesamt Besseren in allen
Lebensbereichen zu machen. Sie wurde vertan. Schon Paulus verfälschte
die originäre Lehre des Jesus. Das sittliche Handeln hielt er
für unnötig, nur der pure Glaube war heilsnotwendig. Er predigte
die Unterwerfung unter eine Obrigkeit, die Gewalt ausüben darf,
wertete die Frau und die Ehe ab, ließ Sklavenhaltung gelten und
predigte den Judenhass. Der Antisemitismus der Kirche hat hier seine Wurzeln.
Der erste christliche Kaiser, Konstantin der Große,
war alles andere als christlich und auch kein Vorbild aller christlichen Herrscher,
als was er heute gefeiert wird. Seine größte „christliche“ Untat war:
Er führte den Kriegsdienst für Christen ein. Damit wurde das Christentum,
die Religion des Friedens, zu einer Religion der Gewalt.
Die Kirchenväter entwarfen immer neue religiöse Lehren,
Glaubensregeln, Kosmologien, die dann von der sich etablierenden
Kirche zu Dogmen erhoben und den Gläubigen aufgezwungen wurden.
Damit entfernten sie sich immer mehr vom Ur-Christentum,
und die Kirche verweltlichte zusehends wegen ihres Strebens nach Macht,
Einfluss, Reichtum und Positionen im Staat. Bewegungen wie die Montanisten,
Manichäer, Marcionisten und andere, die das Ur-Christentum
restaurieren und das herrschende verfälschte Christentum
reformieren wollten, wurden bekämpft und ausgerottet.
Einer der wenigen Kirchenväter, die die originäre Lehre des Jesus
wiederbeleben wollten, Origenes, wurde zum Schweigen gebracht.
Seine wichtigste Erkenntnis, dass Jesus die Wiedergeburt lehrte,
wurde verboten und aus den Schriften ausgemerzt und wird bis
heute geheim gehalten und abgestritten.
Gänzlich verbog die Ethik des Jesus der Kirchenvater Augustinus,
der den „Heiligen Krieg“ erfand, die Folter für nützlich
hielt und die ewige Verdammnis und Hölle predigte. Letztere sind heute noch
feste Glaubensbestandteile der Kirche.
Textbeispiel: Bald schon schwenkte Augustinus in seiner Argumentation auf die Linie der Gerechtigkeit durch Gewalt ein … Wer einen gerechten Krieg führt, soll, so die theologische Spitzfindigkeit, darüber trauern, dass er ihn führen zu führen hat: „Krieg zu führen und durch Unterwerfung der Völker das Reich zu erweitern, erscheint den Bösen als Glück, den Guten als Zwang. Aber weil es schlimmer wäre, wenn die Ungerechten über die Gerechten herrschen, so nennt man nicht unpassend auch jenes ein Glück.“ Desweiteren lobt Augustinus die Pflichterfüllung der Menschen, die ihre Mitmenschen töten – nur weil sie angebliche Feinde sind. Die Kirche diskutierte nicht lange, sie baute den Krieg nach augustinischem Gerechtigkeitssinn sofort in ihr Lehrgebäude ein und machte davon in den anschließenden Jahrhunderten bis in unsere Zeit eifrig Gebrauch. Damit ist allen Arten von Kriegen, natürlich auch dem angeblich moralischem Verteidigungskrieg die ideologische Türe geöffnet.
Augustinus ist der Begründer der Dogmenkirche, die Glaubenssätze ohne den Gebrauch von Vernunft von Amts wegen durchsetzen und die, kraft einer vom Staat verliehenen obrichkeitlichen Gewalt, unbedingten Gehorsam von ihren Gläubigen fordern konnte. Ihre Legitimation entnahm die Kirche dem „Willen Gottes“, der sich durch sie „offenbarte“. Eine humane Ethik, wie sie Jesus gelehrt hatte, fand darin keinen Platz mehr.
Am Schluss des Buches
wird eine globale Ethik vorgestellt, die für alle Menschen
glaubhaft, weil logisch, einfach, klar und daher praktikabel ist.
Sie gründet sich auf die höchsten Werte, die im geistigen
Besitz der Menschheit und die in den meisten Verfassungen der Staaten,
allerdings nur fragmentarisch verankert sind: Gleichheit, Freiheit, Einheit,
Brüderlichkeit, Gerechtigkeit und Friedfertigkeit.
Wer ernsthaft seinem Leben eine höhere Qualität geben will,
kann sich an diesen Werten orientieren. Wir müssen uns eingestehen,
dass die traditionellen Kult-, Dogmen- und Polit-Religionen der Welt
überholt sind. Sie haben der Menschheit nicht geholfen,
allen Menschen ein wirklich menschenwürdiges Leben zu verschaffen.
Im Gegenteil, noch nie war das Leben auf der Erde so bedroht wie heute.
Jeder verantwortungsbewusste Mensch kann, nein, muss sich Gedanken machen,
wie er dieser Bedrohung auch seines eigenen Lebens begegnet.
Vor allen Handlungen und Aktionen steht immer das Denken und der Glaube:
Ein dem Menschen würdiges Denken ist das Werte-Denken und der
Glaube an die Kraft der Werte. Ein dem Menschen würdiges Handeln ist das
auf Werte ausgerichtete Handeln und der Glaube an das Gute im Handeln.
Das vorliegende Buch soll daher auch Anregung und Hilfestellung für
eine persönliche Wertfindung sein, denn: „Alles Nachdenken
über Ethik hat eine Hebung und Belebung der ethischen Gesinnung
zur Folge“, sagte Albert Schweitzer, ein Mann, der sein Leben
höchsten Werten gewidmet hat.